„Sozialer Stadtrundgang“ – eine andere Perspektive auf die Schweiz

02.12.2014 |  Von  |  Allgemein, Privat
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„Sozialer Stadtrundgang“ – eine andere Perspektive auf die Schweiz
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Ein „Sozialer Stadtrundgang“ ist nicht nur eine Aktivität oder ein Ereignis, sondern inzwischen auch ein Markenname. Gestartet wurde das Projekt im April 2013 in Basel, wo inzwischen mehr als 1500 Besucher einen Einblick in ungewöhnliche Lebensgeschichten und „fremde“ Lebenswelten erhalten haben. Im Oktober 2014 ist das Projekt auch in Zürich angelaufen.

Hinter den „Sozialen Stadtrundgängen“ steht der Verein Surprise – ein in der Schweiz einzigartiges Sozialunternehmen, das seit 15 Jahren Armutsbetroffenen Hilfe zur Selbsthilfe ermöglichen will. Kernstück des Vereinsprogramms ist das Strassenmagazin „Surprise“, mit dem sich „Randständige“ einen eigenen Verdienst und vielleicht sogar die ersten Grundlagen für ein „normales“ Leben erwirtschaften können. Andere Aktivitäten wie Strassenchöre oder Strassensport sollen für Gemeinschaft und Lebensfreude sorgen. Mit den „Sozialen Stadtrundgängen“ möchte der Verein einen Schritt weiter gehen: Von Armut betroffene Menschen sollen nicht nur ein Gesicht, sondern auch eine Stimme haben.



Was bedeutet Armut in der Schweiz?

Als arm gelten in der Schweiz Personen, die nicht die finanziellen Mittel haben, um sich die Produkte und Dienstleistungen zu kaufen, die für ein gesellschaftlich integriertes Leben nötig sind. Die Schweizerische Konferenz für Sozialhilfe (SKOS) liefert die Orientierungswerte für die Armutsgrenze. Im Jahr 2012 lag diese bei einem monatlichen Einkommen von etwa 2200 Franken für eine Einzelperson und 4050 Franken für einen Vier-Personen-Haushalt mit zwei Kindern. Im selben Jahr waren 7,7 % der Wohnbevölkerung oder 590’000 Menschen von Einkommensarmut betroffen. Die Hälfte von ihnen musste mit einem verfügbaren Einkommen leben, das um knapp 20 % unter der Armutsgrenze lag. Als besondere Risikogruppen werden anhand der Daten des Bundesamtes für Statistik Alleinerziehende, Nichterwerbstätige, gering qualifizierte und/oder allein lebende Personen sowie Menschen in Haushalten mit „geringer Arbeitsmarktpartizipation“ angesehen.

„Soziale Stadtrundgänge“ – Aktionen gegen das Armuts-Stigma

So weit die Statistik – über das Leben und die Lebensgeschichten von Armutsbetroffenen sagt sie nichts. Der Verein Surprise will mit seinen Aktivitäten – darunter den „Sozialen Stadtrundgängen“ – einen Perspektivwechsel bieten, den er als eine Bereicherung für alle sieht. Jener ermöglicht Begegnungen mit Menschen, ihren Lebensgeschichten und einer Welt, die nur einen Schritt entfernt ist, zu der uns aber die Berührungspunkte fehlen. Es geht darum, Armut zu entstigmatisieren und Berührungsängste abzubauen.



Zürich von unten

Seit Oktober 2014 gibt es die „Sozialen Stadtrundgänge“ auch in Zürich. An ihrem Zustandekommen wirken 20 städtische Institutionen mit. Bei den Rundgängen übernehmen Obdachlose und „Randständige“ die Führung. Sie erzählen von ihrem Alltag und nehmen die Teilnehmer an Orte mit, die jene sonst wahrscheinlich – oder hoffentlich – in ihrem Leben niemals sehen würden. Es gibt fünf verschiedene Touren, Ziele der Rundgänge sind unter anderem Gassenküchen und Notschlafstellen. Moritz Leuenberger – einer derjenigen, die sich auf die andere Perspektive eingelassen haben – schreibt, dass wir uns dem „wahren Zürich“ erst dann nähern könnten, wenn „wir versuchen, alle seine Seiten zu erfahren“. Mit der Konsequenz, dass wir „unter der Oberfläche“ vieles klarer sähen und dann auch bereit seien, „für alle da zu sein“.





Die "Sozialen Stadtrundgänge" zeigen die Lebenswelten von Armut in der Schweiz. (Bild: Duchy / Shutterstock.com)

Die „Sozialen Stadtrundgänge“ zeigen die Lebenswelten von Armut in der Schweiz. (Bild: Duchy / Shutterstock.com)

Armut kann jeden treffen

Hans-Peter Meier (56) lebt seit sieben Jahren vom Verkauf des „Surprise“-Magazins, seit Oktober führt er Besucher durch die Welt, die er kennenlernen musste. In seinem früheren Leben war er IT-Experte und hat die Software für den Börsenhandel der Banken entwickelt und betreut. Nach dem Platzen der New-Economy-Blase verlor er seinen Job – im Jahr 2003 begann der Abstieg von einem Jetset-Leben über Gelegenheitsaufträge und am Ende auf die Strasse. Der heute trockene Alkoholiker sagt, dass es jeden treffen könne und dass auch mit wenig Geld ein Leben in Würde möglich sei. Sein Kollege Ewald Furrer wurde – mit mehreren Jobs – vom Workaholic zum Alkoholiker und gab nach einem Burn-out alles auf. Ihre Erfahrungen geben beide bei den „Sozialen Stadtrundgängen“ weiter. Pro Führung erhalten sie ein Salär von 50 Franken. Ihren persönlichen Weg gefunden haben beide, ihre Erlebnisse, Erfahrungen und ihren Lebensraum dabei teilen sie durch die Stadtrundgänge mit anderen.



Grenzüberschreitende Ideen

Die Idee der „Sozialen Stadtrundgänge“ in Zürich stammt von Niggi Schwald. Der 66-Jährige ist Mitglied der Zürcher Theatergruppe „Schrägi Vögel“. Schwald – im früheren Leben Bauleiter – ist selbst durch die Erfolgserwartungen und das soziale Netz gefallen, heute lebt er in einem möblierten Zimmer. Die Idee zu den Zürcher Stadtrundgängen kam ihm bei einem Gastspiel der „Schrägi Vögel“ in Nürnberg, als er an einem Stadtrundgang des lokalen Obdachlosenmagazins „Strassenkreuzer“ teilnahm – mit dem Gedanken, dass es das auch in Zürich geben sollte. Dem Verein Surprise hat er eine entsprechende Zusammenarbeit vorgeschlagen.

Nachdem diese angelaufen ist, führen er und seine sechs Kollegen die Teilnehmer der Stadttouren zu Orten, an denen sie gelebt und an denen ihnen auch geholfen wurde. Interessant – und traurig: Unter den alternativen Stadtführern sind keine Frauen, die nach den Worten der Surprise-Projektleiterin für die Stadtrundgänge den Schritt an die Öffentlichkeit nicht wagen.

„Soziale Stadtrundgänge“ als Event? – Ja, bitte und ausdrücklich

Die eine Seite sind individuelle Interessenten, die andere: „Soziale Stadtrundgänge“ als Event? Für Unternehmen? Ja – bitte und ausdrücklich. Surprise bietet die Rundgänge auch für grössere Gruppen und als Business-Event. Neben zahlenden Kunden lebt der Verein von Spenden – für den Stadtrundgang Zürich hatten die Schweizer allein in diesem Jahr mehr als 80’000 Franken übrig.




 

Oberstes Bild: © Creativemarc – Shutterstock.com


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